Rupit

Rupit: Wer es spektakulär liebt, für den gibt es nur ein Ausflugsziel jenseits der Küste: El Collsacabra. Hinter Olot windet sich die schmale Straße in engen Serpentinen durch kühle Korkeichenwälder. Tiefe Täler und bizarre Felsformationen bestimmen zunehmend die Landschaft, in der im Sommer das Zirpen der Zikaden nur von den Schreien der kreisenden Steinadler unterbrochen wird.

Gewaltige Tafelberge, Hochplateaus, blühende Bergwiesen und wilde Bergbäche, die in Kaskaden auch schon mal 200 Meter zu Tal stürzen und Canyons in die Berge schneiden, zeichnen eine Landschaft, die man auf den ersten Blick bestenfalls im „Wilden Westen“ der USA vermutet. Wir haben Arizona, Utah, Colorado und New Mexico bereist – El Collsacabra steht diesen grandiosen Landschaften in keinster Weise nach.

Und dann das Licht … Das Licht setzt die Akzente: Mal ist es das satte Grün der Wälder, mal sind es die Myriaden von Wassertropfen die glitzernd auf den Steinen am Grund des Wasserfalls zerstäuben. Hoch über der Tiefebene leuchten rot bemooste Felsen im Licht der Abendsonne. Hier werden Impressionisten geboren!

Nach knapp 95 Kilometern und eindreiviertel Stunden Fahrt haben wir unser eigentliches Ziel erreicht: Rupit – ein Pyrenäendörfchen wie aus dem Bilderbuch. Waren wir vor zehn Minuten noch der Ansicht, dass gleich ein Revolverheld unseren Weg kreuzt, rechnen wir jetzt damit, dass uns Heidi mit einem Becher Ziegenmilch begrüßt. Schweizerischer geht es kaum. Bis zu 500 Jahre alte Steinhäuser, deren Dachziegel mit Steinen beschwert sind, um den Winterstürmen zu trotzen, schmiegen sich eng an die Felswände, die den Ort überragen. Unter der Hängebrücke, über die man Rupit betritt, hat der Bach eine Schlucht ins Gestein gegraben. Im Frühsommer kann man bei Niedrigstand im Bachbett wandern und die geschliffenen Felswände betrachten. Und auch ein kleiner Wasserfall ist zu bestaunen. Er bietet Moosen und Farnen ein Biotop im Felsgestein.

Rote Geranien bestimmen die Farben auf den Holzbalkonen der pittoresken Häuser und wo andernorts Kopfsteinpflaster für nostalgische Atmosphäre sorgen sind es in Rupit gewachsene Natursteinstufen, die hinauf in den Ort führen.

Und dann der Duft … Würzig! Sind es die Korkeichen, die Zypressen oder die Kräuter, die so eifrig entlang des Baches wachsen? Seit langem spüre ich mich wieder bewusst atmen.

Vor dem Haus neben dem Brunnen sitzen zwei Katalanen auf einer uralten Holzbank. Die heißen Sommer und eiskalten Winter haben Spuren in den markanten Gesichtern hinterlassen. Die schwarzen Baskenmützen haben sie tief ins Gesicht gezogen. Beide stützen ihre Köpfe auf ihre Handrücken und die Hände auf die Gehstöcke. Sie sind ins Gespräch vertieft und ihre flinken Augen nehmen uns nur beiläufig wahr. Aus dem Fenster neben ihnen dringt angenehmer Küchenduft. Wir sind uns ganz sicher: In wenigen Minuten werden die beiden Alten ihre Unterhaltung bei würziger Butifara, knoblauchgedünstetem Kaninchen und einem kühlen Glas Rotwein an der Küchentafel fortsetzen.

Auf unserem Rückweg finden wir die Bank leer vor. Ein kleines schwarzes Kätzchen hat jetzt unter dem Eichenholz einen schattigen Platz gefunden. Mit der rechten Tatze fingert es behände eine abgefallene Geranienblüte in ihren Unterschlupf.

Wir verlassen das knapp 900 Metern über dem Meeresspiegel gelegene Rupit in Richtung Ampuriabrava.

Unterwegs machen wir noch einen Abstecher zum Santuari del Far. Unglaublich: Wer dachte, das heute bereits Erlebte nicht mehr Steigern zu können, sieht sich bereits nach wenigen Minuten widerlegt. Kreisten noch vor einer halben Stunde die Adler über unseren Köpfen, blicken wir jetzt auf die nun unter uns kreisenden Adler hinab. Welch eine Perspektive!

Das Santuari del Far ist eine Kapelle aus dem 13. Jahrhundert. Das Kirchenhaus thront auf exponierter Stelle. Noch 200 Meter höher als Rupit gelegen, bietet sich vor und unter uns ein spektakulärer Ausblick. Wie aus einem Flugzeug richtet sich der Blick steil nach unten auf eine von Tafelbergen, Vulkanen und Tälern dominierte Landschaft.

Zwar schützt uns ein Zaun vor dem freien Fall. Dennoch braucht es seine Zeit, bis die Skepsis weicht und man die unwirklich anmutende Sicht unbefangen genießen kann. Unser ernst gemeinter Vorschlag: Gönnen Sie sich diesen Tag in den Pyrenäen!

Die Straßen hier in den Pyrenäen sind übrigens sehr gut befahrbar …. zumindest in der schneefreien Jahreszeit.